Charta
Auch in der Schweiz gibt es Armut. Sie betrifft Menschen jeden Alters und jeder Herkunft, oft ohne dass man sie sieht oder beim Namen nennt. Sie beraubt die Betroffenen von Sicherheit, Wahlmöglichkeiten und Anerkennung und geht allzu oft mit Schweigen, Scham und Verurteilung einher. Wir lehnen diese Unsichtbarkeit ab. Der Rat für Armutsfragen entstand aus der Überzeugung heraus, dass Menschen, die in Armut leben oder gelebt haben, dort Gehör finden müssen, wo die sie betreffenden politischen Entscheidungen getroffen werden – nicht als Zeugen ihrer Situation, sondern als Expertinnen und Experten für das, was sie durchleben.
- Wer wir sind
Der Rat für Armutsfragen in der Schweiz bringt Menschen mit Armutserfahrung und engagierte Fachleute zusammen. Gemeinsam bringen wir die Perspektive der von Armut betroffenen oder bedrohten Menschen in den Mittelpunkt von Politik und Gesellschaft. Wir sind Teil der nationalen Struktur zur Prävention und Bekämpfung von Armut und tragen dazu bei, dass der Bund seine Politik in diesem Bereich in Abstimmung mit den Kantonen, den Gemeinden und der Zivilgesellschaft weiterentwickelt und stärkt. Als unabhängiges und autonomes Gremium vertreten wir die allgemeinen Interessen der von Armut betroffenen, von Armut bedrohten oder von Armut betroffenen Menschen, losgelöst von jeglichen parteipolitischen, konfessionellen oder institutionellen Interessen. - Unsere Überzeugungen
Die Menschenwürde ist unser Anspruch. Niemand sollte durch Armut in seiner Lebensqualität, seiner Selbstbestimmung oder seinem Platz in der Gesellschaft eingeschränkt werden. Armut zeigt sich in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich. Besondere Aufmerksamkeit gilt jenen Lebenssituationen, in denen strukturelle Risiken zu sozialer und finanzieller Ausgrenzung führen können, insbesondere im Alter, bei Krankheit, Behinderung oder Pflegebedürftigkeit.
Die Erfahrung von Armut ist eine Expertise. Sie muss anerkannt und systematisch bei der Konzeption und Umsetzung von Massnahmen berücksichtigt werden, die die Betroffenen betreffen.
Schliesslich benennen wir das, was allzu oft verschwiegen wird: die Scham, die Schuldgefühle und die Stigmatisierung, die mit Armut einhergehen und ebenso schwer wiegen wie der Mangel an Ressourcen. Sie kann auch zur Einschränkung sozialer Beziehungen, gesellschaftlicher Teilhabe und selbstbestimmter Lebensgestaltung führen. - Was wir einbringen
Unsere Rolle besteht sowohl darin, dass wir konsultiert werden können, wie auch, dass wir uns aktiv einbringen.
Politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, Verwaltungen und Akteure der Zivilgesellschaft können sich auf unser Fachwissen stützen, um Massnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Armut zu konzipieren.
Wir engagieren uns für eine Politik, die Armut nicht nur bekämpft, sondern ihre Ursachen frühzeitig erkennt und wirksam verhindert. Wir erarbeiten konkrete Vorschläge zur Verbesserung bestehender Massnahmen, beteiligen uns an Entscheidungen, die die Zukunft der Betroffenen betreffen, und versuchen, Einfluss darauf zu nehmen.
Wir schlagen eine Brücke und fördern den direkten Austausch zwischen Menschen mit Armutserfahrung und anderen Akteuren (Politik, Verwaltungen, Institutionen, Fachleute). Schliesslich sensibilisieren wir die Öffentlichkeit, um Sichtweisen und Vorurteile gegenüber Armut zu verändern. - Unsere Arbeitsweise
Wir verbinden zwei Arten von Wissen. Die direkte Erfahrung mit Armut und die fachliche Expertise treffen in uns zu gleichen Teilen aufeinander. Aus diesem Dialog entstehen fundierte Standpunkte. Wir beraten uns gemeinsam und nehmen uns Zeit für den Austausch und das Zuhören. Die Vielfalt unserer Lebenswege, Sprachen und Sichtweisen ist eine Bereicherung und eine Voraussetzung für die Richtigkeit unserer Analysen. - Unsere Haltung
Wir sprechen mit einer Stimme. Der Rat agiert als kollektives Gremium, das von einem gemeinsamen Ziel getragen wird; er lässt sich nicht auf die Summe einzelner Erzählungen reduzieren.
Wir sind kein Aushängeschild für die Medien oder die breite Öffentlichkeit; was wir vertreten, sind fundierte Positionen, die wir gemeinsam auf der Grundlage von Erfahrungswissen und Fachwissen erarbeitet haben.
Wir sind unabhängig und autonom und wollen als solche anerkannt werden. Diese Unabhängigkeit ist die Voraussetzung für unsere Glaubwürdigkeit. Wir sind offen für die Zusammenarbeit mit all jenen, die diesen Anspruch teilen.
Würde ist kein Gefälligkeitsgeschenk - sie ist ein Recht. Solange Armut Menschen in der Schweiz dieses Recht vorenthält, werden wir ihre Stimme mit Nachdruck, mit Beharrlichkeit und mit dem Mut zur Veränderung vertreten.
